BERLIN:
Die deutsche Wirtschaft beobachtet die
Entwicklung in Iran mit Aufmerksamkeit und
Sorge: Der sich zuspitzende Atomkonflikt und
die unklare politische Lage nach dem
Regierungswechsel in Teheran könnten die
Geschäfte schädigen. Sollte es zu Sanktionen
gegen Iran kommen, würde dies vor allem
deutsche Firmen treffen, die zu den
wichtigsten Handelspartner Irans und größten
Investoren im Land zählen.
Da Sanktionen nicht
auszuschließen seien, würden deutsche
Unternehmer bereits ihre Strategie im Iran
überdenken, weiß Jochen Clausnitzer, Nah-
und Mittelost-Experte beim Deutschen
Industrie- und Handelskammertag (DIHK).
Mancher überlege, ob er angesichts der
Unwägbarkeiten sein Engagement im Iran nicht
zurückfahren müsse.
In Kreisen deutscher Firmen
in Teheran heißt es, viele Unternehmen
würden Investitionsentscheidungen bis Ende
des Jahres hintenanstellen, um abzuwarten,
welchen Weg die Atomverhandlungen nehmen und
welchen Kurs die Regierung einschlagen
werde. Der neue Präsident Mahmud
Ahmadinedschad hatte im Wahlkampf unter
anderem Privatisierungen sowie ausländische
Investitionen kritisiert.
Iran rangiert als
Außenhandelspartner von Deutschland 2004
weltweit auf dem 35. Rang, doch das Land ist
vor Saudi-Arabien und den Vereinigten
Arabischen Emiraten zum wichtigsten
Handelspartner in der Region aufgestiegen.
Vor allem Unternehmen aus den Bereichen
Maschinenbau, Kraftfahrzeugbau und Chemie
sind erfolgreich. "Es sieht so aus, als
würde das Export-Volumen in den Iran 2005
noch einmal deutlich wachsen", sagt Robert
Dölger, Koordinator der
Nordafrika-Mittelost-Initiative der
Deutschen Wirtschaft (NMI).
Der Verband Deutscher
Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) rät zu
Gelassenheit. Bevor nicht endgültig
entschieden sei, ob die Atom-Gespräche
platzten, sei "alles Spekulation", sagt
VDMA-Außenhandelsexperte Klaus Friedrich.
Doch: "Das Risiko von Sanktionen ist real."
Beobachter in Teheran warnen
vor Dramatisierungen: "Irans Ziele für die
kommenden 20 Jahre sind mit der Zustimmung
der obersten religiösen Führung gesteckt",
sagt Ali Ghezelbash, einer der Direktoren
der Beratungsgesellschaft Atieh Bahar. 2025
will Iran die führende Wirtschaftsmacht in
der Region sein. Dazu brauche das Land
Stabilität, ausländische Investitionen und
eine Öffnung der Wirtschaft. "Die neue
Regierung kann von dieser Zielsetzung kaum
abweichen, allenfalls in Details", schätzt
Ghezelbash.
Iran spielt für deutsche
Firmen nicht nur beim Handel eine Rolle,
einige Unternehmen haben auch gemeinsam mit
einheimischen Partnern eine eigene
Produktion aufgebaut - darunter Größen wie
Henkel, Daimler-Chrysler oder Volkswagen.
Die bei der iranischen Organisation für
Investitionen, wirtschaftliche und
technische Assistenz (OIETAI) registrierten
Investitionen in Joint Venture mit deutscher
Beteiligung belaufen sich von 1993 bis etwa
Mitte 2004 auf fast 900 Mill. Dollar. Bei
einer Gesamtsumme von über sieben Mrd.
Dollar entfallen damit gut zwölf Prozent auf
Deutschland.
Die Firmen halten ihr
finanzielles Engagement im Land mit Blick
auf die hohen politischen Risiken aber
vergleichsweise niedrig. Sie wollen vor
allem einen Fuß in die Tür zum größten Markt
der Region. Zur aktuellen Lage wollten sich
Volkswagen, Daimler-Chrysler und Siemens auf
Anfrage nicht äußern. Anlagenbauer wie Linde
oder die Gea Group könnten aber unter
Sanktionen leiden: Für Linde zählt Iran im
Großanlagenbau mit einem Auftragsbestand von
700 Mill. Euro zu den wichtigsten Märkten.
Lurgi, eine Gea-Tochter hat seit 2001
Aufträge über rund 425 Mill. Euro aus dem
Iran für Methanol- und Polyethylenanlagen
erhalten. Der Konzern hofft, das dies so
bleibt: "Die Politik hatte bisher keinen
Einfluss auf die Geschäfte mit Iran", sagte
ein Sprecher.